Als ich die ersten dieser Essays schrieb, glaubte ich, mich mit einzelnen Problemen der Beckmann-Forschung zu beschäftigen. Seine soziale Herkunft, seine
Nietzsche-Lektüre, die Frankfurter Jahre, die Emigration, die Nachkriegsrezeption, einzelne Gemälde – jedes Thema schien für sich zu stehen, ein isoliertes Puzzleteil, das sich irgendwann zu
einem größeren Bild fügen würde.
Doch mit der Zeit merkte ich, dass all diese Arbeiten auf eine gemeinsame Frage zuliefen. Sie ergab sich nicht aus einer Theorie, sondern aus der geduldigen
Auseinandersetzung mit den Quellen: mit Briefen, Tagebüchern, Selbstzeugnissen, Zeitungsartikeln und Ausstellungskatalogen ebenso wie mit der kunsthistorischen Forschung. Immer wieder stieß ich
auf Deutungen, die Max Beckmann als isolierte Figur erscheinen ließen – als Genie, als metaphysischen Seher, als einsamen Titanen oder als Opfer seiner Zeit. Je länger ich mich mit seinem Leben
beschäftigte, desto weniger überzeugten mich diese Bilder.
Stattdessen zeichnete sich allmählich ein anderer Beckmann ab: ein Mensch, dessen Haltung sich nicht in der Abgeschiedenheit des Ateliers formte, sondern in einem
dichten Geflecht aus Beziehungen, Lektüren, Freundschaften, Gesprächen, Verlusten und historischen Erfahrungen. Herkunft, Weimar, Frankfurt, Paris, Amsterdam und New York waren keine bloßen
Stationen einer Künstlerbiographie, sondern Räume einer lebenslangen Selbstbildung.
Die Essays dieses Bandes sind keine Kapitel einer fertigen Monographie. Sie sind Werkstücke – Fragmente einer Suche, die ohne institutionellen Rückhalt und ohne den
Druck akademischer Konventionen entstanden sind, dafür mit der Geduld eines jahrzehntelangen Gesprächs mit dem Material. Manche hinterfragen vertraute Deutungsmuster der Beckmann-Rezeption,
andere schlagen Verbindungen zwischen scheinbar weit auseinanderliegenden Themen vor. Wieder andere beginnen mit einer kleinen Irritation – einer Fußnote, einem Brief oder einer beiläufigen
Bemerkung in einem Tagebuch – und entwickeln daraus eine größere Fragestellung.
Sie verstehen sich nicht als abschließende Antworten. Rückblickend erzählen sie den Weg einer Annäherung – an einen Künstler, der sich einfachen Zuschreibungen entzieht, und an die Frage, wie sich unter den Bedingungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Haltung bildet.